Märchen-Interpretationen von Alice Dassel
Märchen-Interpretationen - Allerleirauh

Bezugsquellen:

Über den Buchhandel oder direkt über den Verlag Schneider Hohengehren,
Baltmannsweiler
Mai 2005 neu erschienen

ISBN: 3-89676-967-7
Preis: 12,- €

Allerleirauh - Leseprobe

… wohl doch nicht so überzeugend, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass die Königin, die in so ideal anmutenden Verhältnissen lebt, plötzlich krank wird und schon bald danach stirbt?
Wie kann es geschehen, dass jemand von solcher Vollkommenheit und Einzigartigkeit in kürzester Zeit aus dem Leben gerissen wird?
Krankheit, so sagten schon die Mediziner der Antike, ist ein Herausfallen aus der Harmonie, aus dem inneren Gleichgewicht. Das Märchen erzählt uns nicht, warum der paradiesische Zustand so abrupt vorbei sein soll. Worin liegen also die Ursachen für den plötzlichen Tod der Königin?
Ein Hinweis darauf, warum die Königin offenbar in eine Sackgasse oder in die Enge geraten ist, aus der sie nicht mehr herauszukommen vermag, ist darin zu finden, dass sie in ihrer Todesstunde ihren Mann zu sich ruft und ihm das Versprechen abverlangt, niemals mehr eine Frau zu heiraten, die weniger schön als sie selber ist und die nicht so »goldene Haare« hat wie sie.
Sie hat ein unüberwindliches Problem. Ihre außergewöhnliche Schönheit hat ein Höchstmaß erreicht, das sich nicht mehr steigern lässt. Aber in dem Augenblick, in dem ein solcher Höhepunkt absoluter Schönheit erlangt ist, beginnt die große Gefahr, durch den Alterungsprozess allmählich etwas von seiner Schönheit wieder einzubüßen. Ein Mensch, der es gewohnt ist, in narzisstischer Weise mit seiner außerordentlichen Attraktivität zu kokettieren, der so sehr auf sich selbst bezogen ist, dass er sogar Jahre über seinen Tod hinaus den Partner an seine Schönheit binden will, ist erfasst von abgrundtiefen Ängsten, nämlich genau diesen Partner verlieren zu können, wenn die äußere optische Vollkommenheit nachlässt.
Es liegt hier eine starke Egozentrik (Selbstbezogenheit) vor und eine einseitige Fixierung auf das äußere Erscheinungsbild. Die totale Überbewertung einer wunderschönen Fassade bringt es meist mit sich, dass die anderen Bereiche der Weiblichkeit, wie z. B. Mitgefühl, Herzenswärme, Mütterlichkeit etc., auf der Strecke bleiben. Daraus ergeben sich Ängste vor jeglicher Konkurrenz, auch der, die erst nachwächst (weil gleichzeitig der eigene Alterungsprozess ein Nachlassen von äußerer Schönheit verursacht).

Wir erinnern uns an Schneewittchens Stiefmutter, die es nicht zu ertragen vermochte, dass ihre heranwachsende Stieftochter schöner werden könnte als sie selber. Ein derartiger Konkurrenzdruck ist wohl auch bei dieser Königin sehr ausgeprägt, denn selbst in ihrer Todesstunde kann sie es nicht dulden, dass sich ihr Mann nach ihrem Tod mit einer - wenn auch vielleicht weniger schönen Frau - zusammentäte.
Welcher Anmaßung und Überhebung über ihren Mann bedient sie sich, um ihn »ewige Zeiten« an sich zu binden und »Schicksal« zu spielen.
Aber was steht eigentlich hinter dieser Festlegung, die sie betreibt? Ist es nicht die eigene Unzulänglichkeit bezüglich anderer Werte als dem der äußeren Schönheit?
Spürt die Königin nicht sehr genau, dass es ihr an anderen Qualitäten mangelt, so dass sie mit ihrem Pfund wuchern muss? Ihre Eitelkeit duldet nach ihr keine andere Frau. Sie muss narzisstisch verblendet sein, wenn sie es verhindern will, sich dem Lebensfluss, irgendwelchen Veränderungen und Entwicklungen hinzugeben. Ihr Sterben besteht also in ihrer Fixiertheit auf die eigene Schönheit, in der Überbewertung des äußeren attraktiven Erscheinungsbildes und in der Unfähigkeit, das Älterwerden in Kauf zu nehmen, das einhergeht mit dem Nachlassen der Makellosigkeit optischer Vollkommenheit, denn »auch das Schöne muss sterben«, wie Schiller sagt. Konkurrenz in jeglicher Form ist ihr unerträglich, und so scheint es für sie besser zu sein, ihre symbiotische Zweierbeziehung durch ….
(Ende der Leseprobe)

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