Märchen-Interpretationen von Alice Dassel
Märchen-Interpretationen - Bärenhäter

Bezugsquellen:

Über den Buchhandel oder das Internet (Amazon)

ISBN: 3-8334-0718-2 Preis: 8,- €

"Grimm`s Bärenhäuter" - Leseprobe

… Die tägliche Konfrontation mit dem Sterben und mit dem Tod muss er bewältigen können. Er muss auch darauf gefasst sein, dass er sein Leben verlieren könnte. Gute Nerven, Durchhaltevermögen, physische und seelische Stärke braucht er, sonst wäre er diesen Kriegsanforderungen nicht gewachsen gewesen.
Wir sehen, unser Soldat zeichnet sich schon in seinen jungen Jahren durch eine Fülle von herausragenden Eigenschaften und Fähigkeiten aus. Aber zu Beginn des Märchens ist er „nur“ ein Soldat, vielleicht ein Kriegsheld, aber noch kein wirklicher Märchenheld, denn ein Märchenheld hat ganz andere Kriterien zu erfüllen. Den Krieg übersteht er gesund und unversehrt. Das ist für ihn ein großes Glück. Als er seinen Abschied erhielt, ist er ratlos und weiß weder ein noch aus.
Als der Hauptmann dem Soldaten sagt, dass er nun, nachdem Frieden geschlossen wurde, frei wäre und gehen könnte, wohin er wollte, beglückt ihn das Angebot von Freiheit keineswegs.
Denn die geschenkte Freiheit bringt ihn um die bisher erlebte Geborgenheit in der Truppe, um die Zugehörigkeit zu den Mitsoldaten, um das Gefühl von Gemeinschaft und Kameradschaft. Als Soldat war er versorgt, er erhielt Nahrung, Kleidung und Ausrüstung – oder er erhielt die Erlaubnis zur Plünderung für die Selbstversorgung, wie sie in vielen Kriegen üblich war und heute noch ist. Kurz, er war eingebunden in eine hierarchische Kampfstruktur und wusste, wohin er gehörte. Er erhielt stets von seinen Vorgesetzten Anweisungen, die er zu erfüllen hatte. Eigenes Nachdenken war nicht gefragt.
Insofern war er „fremdbestimmt“. Mit dem Friedensschluss wird ihm dies alles schlagartig aufgekündigt. Freiheit, die einem so aus heiterem Himmel zuteil wird, nützt einem meistens nichts order nur wenig. Dies ist vergleichbar mit einer plötzlichen Arbeitslosigkeit, in die jemand nach langen Jahren der Berufstätigkeit entlassen wird. Wenn jemand aus Gründen, die er selbst nicht zu vertreten hat, seinen Dienst quittieren muss und keinerlei finanzielle Absicherung erhält, trägt er wahrscheinlich eher einen psychischen Schock davon, als dass er sich über die gewonnene Freiheit freuen könnte.
Ein Mensch, der nicht gelernt hat, mit Freiheit sinnvoll umzugehen, kommt mit ihr vermutlich nicht zurecht. Auf politischer Ebene lässt sich dies überall dort beobachten, wo Menschen lange Zeit unterdrückt worden sind und dann frei werden. Sei es, dass sie unter diktatorischen Regimen gelebt haben und dann in eine Demokratie entlassen wurden, wie es zum Beispiel bei den GUS-Staaten der Fall war …
Wie kann es ihm gelingen, ab sofort für sich selbst zu sorgen, sich Nahrung, Kleidung und Unterkunft zu beschaffen? Das einzige Handwerk, das er versteht, ist das „Kriegshandwerk“ – und das ist nicht mehr gefragt. Für die neuen Verhältnisse ist er nicht ausgebildet. Es gibt auch keine Organisation, die ihm unter die Arme greift.
Auch heutzutage kommt es häufig vor, dass jemand fehlqualifiziert ist. Wenn jemand zum Beispiel einen Beruf erwählt hat, der aufgrund des technischen Fortschritts überflüssig geworden ist, wie zum Beispiel der Wagenmacher oder der Heizer, dann muss er eine Umschulung auf sich nehmen. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich ständig Veränderungen im Berufsleben vollzogen, denen wir durch Anpassungen an die neuen Gegebenheiten Rechnung tragen müssen. Nur die Veränderung ist das einzig Beständige.
Nun können wir uns vorstellen, dass ein Soldat, wenn er aus dem Krieg zurückkommt, zu allererst sein Elternhaus aufsucht. Da heißt es im Märchen ganz lapidar: „Seine Eltern waren tot.“ Das Märchen gibt uns keinerlei Auskunft darüber, ob seine Eltern in den Kriegswirren ums Leben gekommen sind – oder ob sie schon vor Kriegsbeginn ums Leben gekommen sind –, sodass der Tod der Eltern für den Märchenhelden der Anlass war, Soldat zu werden. Ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt und auf welche Weise er seine Eltern verloren hat, ohne sie ist er „verwaist“ und heimatlos. Er ist „entwurzelt“, fremd und ohne jede Geborgenheit. Er ist ausgeliefert an eine kalte, unwirtliche Welt. Da in früheren Jahrhunderten das Familienbewusstsein größer war, versteht es sich, dass er die übrige Familie aufsucht, nämlich seine Brüder, die den Krieg überlebt haben und ihn vorübergehend aufnehmen könnten. Aber die Brüder sind egoistisch und hart. Sie empfinden wohl auch keine tiefe Verbundenheit mit ihm. Sie haben Angst, ihren Bruder für eine längere Zeit versorgen zu sollen. Dazu sind sie nicht bereit. Vielleicht haben sie selbst auch keine Überschüsse an Nahrung und Kleidung, auf die sie verzichten könnten.
Im Märchen dient diese Abweisung der Steigerung von Aussichtslosigkeit. Märchenhelden gelangen in Extremsituationen und Existenzkrisen, damit sie umso stärker einen Ausweg aus ihrer Lebenssituation suchen.
Die Ausgrenzung, die der Soldat erfährt, ist vollkommen. Er ist ungeliebt, fehlqualifiziert und somit überflüssig, kurz, er ist ein Ausgeschlossener aus der Gesellschaft. Niemand bedarf seiner ….
(Ende der Leseprobe)

Kontakt zur Autorin per Fax: (0511) 663598  oder eMail: Alice.Dassel@gmx.de               Impressum