Märchen-Interpretationen von Alice Dassel
Märchen-Interpretationen - Bärenhäter

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ISBN: 978-3-8340-0232-7 Preis: 12,- €

Der gestiefelte Kater - Leseprobe

… anders. Dann ist es wichtig, ruhig zu bleiben und die Nerven zu bewahren, um Fehler zu vermeiden. Der Kater befindet sich wie in einer Prüfungssituation mit nur einer einzigen Chance, die er unbedingt nutzen muss! Er hat seine Zukunft auf diese eine Karte gesetzt. Aber das Risiko, das er eingeht, ist außerordentlich groß. Denn was er vorhat, ist lebensgefährlich.
So hat er sich ein Begegnungsritual ausgedacht. Er beginnt stets mit einer tiefen Verbeugung. Das hat er schon beim Kontakt mit dem König so gehalten. Eine Verneigung impliziert die Ehrwürdigkeit des Gegenübers. Das heißt, er zollt ihm Respekt und Anerkennung, indem er die eigene Person in der Verbeugung »erniedrigt«. Rein physisch wird der sich Verneigende kleiner. Diese Haltung erinnert an Demut. Eine solche Demutsgebärde soll den anderen »geneigt« machen. Das Gegenüber kann sich dadurch eher »groß« fühlen. Das ist gewollt und stärkt in diesem das Gefühl von Überlegenheit. In der Position der Überlegenheit fällt es dem Gegenüber dann leichter, sich von seiner großherzigen Seite zu zeigen.
In den asiatischen Ländern sind solche Begrüßungsrituale von großer Wichtigkeit, weil der Grüßende sich dabei zurücknimmt und dem anderen dadurch zu mehr Selbstbewusstsein verhilft. In unserer westlichen Welt sind solche Rituale oft schwer verständlich, weil wir uns in demokratischen Ländern eher als »Gleichwertige« verstehen und dementsprechend mehr Beachtung und Achtung von dem jeweiligen Gegenüber wie selbstverständlich einfordern.
In den verschiedenen Religionen gehört das Verneigen vor Gott zu den Glaubensritualen. Bei Gebeten neigt man gewöhnlich den Kopf, um Gott gegenüber seine Ehrfurcht zu erweisen und ihm gegenüber seine Demut auszudrücken.
Auf jeden Fall will der Kater auf diese Weise seine dezente Bescheidenheit gegenüber der Größe und Bedeutung des Zauberers zum Ausdruck bringen. Da wir den Kater nun schon ein wenig kennen, wissen wir, dass es sich um eine zur Schau gestellte »Unterwürfigkeit« handelt. Es ist eine gekonnt gespielte Geste, die seine Geschmeidigkeit ausdrückt. Der Kater weiß von der Eitelkeit seines Gegenübers, deshalb dürfte es ihm klar sein, wie sehr es dem Zauberer auf die Ehrerbietung des Katers ankommt. Aber beeindruckt ist der Zauberer von dieser Katerreverenz keineswegs. Vielmehr reagiert er »verächtlich«. Das heißt, dass er zu Beginn der Begegnung noch über eine kritische Distanz zu seinem Besucher verfügt. Er empfindet es eher als lächerlich, dass ein Kater, dazu noch einer mit Stiefeln, sich überhaupt bei ihm vorstellt. Was mag sich ein solches Tier nur einbilden, Zugang zum Schloss des bedeutenden Zauberers zu erhalten? Es ist erstaunlich, dass der Zauberer nicht noch aggressiver reagiert. Er hätte Mittel und Möglichkeiten, den Kater zu vernichten. Aber das tut er nicht. Irgendetwas hält ihn davon ab, seine Verachtung und seine innere gespannte Aggressivität am Kater auszulassen. Hat die Demutshaltung doch etwas bewirkt? Man weiß ja aus der Tierwelt, dass zum Beispiel, wenn der kräftemäßig überlegene Wolf dem Unterlegenen die Kehle dann nicht durchbeißt, wenn dieser sie dem Überlegenen in Demut hinhält. Die Demutsgebärde verhindert gewissermaßen den Zubiss des stärkeren Tieres, das heißt die Tötung des unterlegenen Tieres. Dabei spricht man auch von einer Bisshemmung. Vielleicht hat sich auf einer unbewussten Ebene beim Zauberer etwas Ähnliches abgespielt.
Kaum hat sich der Kater verneigt, beginnt er zu reden. In seinen Worten kommt so viel psychologisches Geschick zum Ausdruck, dass der Zauberer nach dieser Ansprache wie ausgewechselt zu sein scheint. Denn er reagiert mit Stolz auf die wohlgesetzten Katerworte. Indem der Kater die vielen besonderen magischen Fähigkeiten des Zauberers betont und dessen Künste hervorhebt, verbessert er die griesgrämige Stimmung des Zauberers. Mit vollem Bewusstsein und klarer Absicht veranlasst der Kater den Zauberer dazu, Verwandlungen an sich selber vorzunehmen und nicht etwa an irgendwelchen Objekten, oder – was viel schlimmer wäre – am Kater selbst. Ein solches Risiko will ….
(Ende der Leseprobe)
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