Märchen-Interpretationen von Alice Dassel
Märchen-Interpretationen - Bärenhäter

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ISBN: 978 3 8448 2272 4 Preis: 9,- €

Die Bremer Stadtmusikanten - Leseprobe

… mit den Leistungen des Arbeitnehmers sehr zufrieden sein, denn wenn dieser fleißig und sachkompetent seine Arbeit verrichtet – und das für eher geringen Lohn –, dann profitiert er als der Chef sehr wohl davon. Der Esel selber verbrachte sein Arbeitsleben in einem Abhängigkeitsverhältnis, er leistete seine Knochenarbeit, ohne groß darüber zu murren oder aufzubegehren und ohne dabei an sich selber zu denken. Er lebte »tierisch« und sklavisch. Wer hätte je gefragt, ob er mit seinem Dasein zufrieden ist? In dieser Weise vergingen viele Jahre, bis vom vielen Lastentragen die Kräfte nachließen, er konnte einfach nicht mehr so viel leisten wie in jüngeren Jahren. Sein Herr schlug ihn sicher häufiger, aber vermochte seinen Gang unter den Lasten nicht mehr zu beschleunigen. Der Esel hielt nur noch durch und tat dies mit stoischem Gleichmut. Eines besonderen Tages – und da setzt unsere Märchenhandlung ein – spürt der Esel, dass ihm die tägliche Arbeit einfach zu schwer fällt, er kann nicht mehr, er ist kaputt, müde, schlapp und kurz vor einem Zusammenbruch. Das bleibt seinem Herrn nicht verborgen, deshalb überlegt er, wie sein Nutztier »aus dem Futter zu schaffen« sei. Er will sich mit dem nachlassenden Leistungsvermögen seines Esels nicht abfinden. Er sieht nicht ein, sein Tier wie bisher durchfüttern zu sollen, wenn es als Gegenleistung die Säcke nicht mehr zur Mühle tragen kann. Deshalb macht er sich Gedanken um den Kosten/Nutzen-Plan. Soll er ihn weiter unterhalten, wenn er von seiner Arbeitsleistung keinen Profit mehr hat? Für ihn als Eigentümer liegt es klar auf der Hand: Der Esel muss aus dem Futter genommen werden! Kann man dem Eigentümer denn diese Überlegungen so verübeln? Vielleicht benötigt er stattdessen einen neuen, jungen Esel, der die anfallende Arbeit übernimmt. Dann muss der neue durchgefüttert werden. Das kostet genug. Zwei Esel zu unterhalten wäre ganz unwirtschaftlich. Schließlich hat er sich den alten Esel nicht zum Spaß gehalten, sondern für die Lastentransporte. Also nicht der Beziehungsaspekt steht hierbei im Vordergrund, sondern der ökonomische. Wir Städter, die wir Haustiere in erster Linie deshalb halten, weil wir den Kontakt mit ihnen haben wollen, also auf einer Beziehungsebene mit ihnen verbunden sind, haben dazu natürlich einen ganz anderen Standpunkt. Unsere Tierliebe steht im Vordergrund, die uns in eine wechselseitige Beziehung zu unserem Haustier bringt: Wir sorgen für das Tier, übernehmen die Verantwortung für ein möglichst tiergerechtes Leben und erfüllen unser Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Streicheleinheiten und Nähe. Dafür erhalten wir meist die treue Freundschaft des Tieres, seine Zuwendung, Lebensfreude und Munterkeit. Vielen Menschen wird aufgrund der »tierischen« Unmittelbarkeit und Verbundenheit das Gefühl der Einsamkeit genommen. Für manchen Städter ist ein Haustier, wie z.B. ein Hund oder eine Katze, wie ein treuer Kamerad. Aber hier im Märchen ist die Bezogenheit zwischen Mensch und Tier anderer Art. In dem Augenblick, in dem der Esel keinen Nutzen mehr bringt für den Eigentümer, will er ihn loswerden. Unser Märchenesel ist ein lebenserfahrenes Tier und hat im Laufe der Zeit wohl ein ausgeprägtes Gespür dafür entwickelt, was die Stunde geschlagen hat. Er kennt seinen Herrn sehr genau und weiß, wie dieser sich ihm gegenüber verändert hat, er ist ruppiger und ungeduldiger geworden. Dieses ewige Antreiben zu mehr Schnelligkeit, das Geschlagenwerden, das Unverständnis – all das hat der Esel längst bemerkt. Er ist weder dumm noch unsensibel. Er begreift, »dass ihm kein guter Wind wehte«. Diesen Zustand nur hinauszuzögern macht keinen Sinn mehr. Ehe seine Situation zu brenzlig wird und es zu spät ist, fasst er einen ganz neuen Entschluss: »Ich werde Stadtmusikant...". (Ende der Leseprobe)


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